Hallo Herr Lincoln, wieso sitzen Sie so steif?

Gilt für beide Tage in Washington.

Die Fahrt mit Greyhound nach Washington war nicht sonderlich erholsam. Der Bus von Hartford ging kurz nach Mitternacht, war recht gut gebucht, so dass man einen Sitznachbarn hatte. Was das Schlafen bei der Fahrt etwas erschwerte. Mein lieber Nachbarn rutschte dann zusätzlich noch ab und zu schlafend vom Sitz auf meine Schulter. Bei einer (attraktiven) Frau gern, aber doch bitte nicht bei einem Kerl! Die Fahrt Hartford-New York kannte man jetzt schon hinlänglich und zog sich ein wenig. Irgendwann schlief ich dann auch, wurde aber schon wieder recht bald geweckt. Unser Fahrer war eine halbe Stunde überpüntklich, um kurz nach zwei Uhr nachts kamen wir im Port Authority Bus Terminal an. Danke auch!

Schlimmer wurde die Pünktlichkeit dann noch dadurch, dass unser Anschlussbus nach Washington D.C. erst um 03:45 Uhr fahren wollte. Der Busterminal war kühl und der etwas wärmere Imbiss mit Sitzplätzen machte etwa 2:30 Uhr zu. Also mehr als eine Stunde auf dem Terminal rumlungern. Yay! Wengistens stand noch niemand für D.C. an – dachten wir. Bis uns ein netter Gepäckträger laut fragte, wofür wir anstünden. D.C.? Ha! Nach Washington geht’s nicht wie ausgeschildert von Gate 70. Wieso auch, ist ja nur so ausgeschildert! Macht aber doch keinen Sinn! Gate 64 war richtig, mit Richmond als Ziel! Man, man, diese Deutschen glauben auch immer was irgendwo ausgeschildert ist! In der Schlange für Richmond standen wir nicht in einer der vorderen Reihen, sondern ganz weit hinten. So weit hinten, dass wir am Ende nur noch die Premiumplätze ganz hinten in der Dreierreihe bekamen, die so eng und ungemütlich war, dass man das mit dem Schlafen so gut wie vergessen konnte. Es sei denn man kann mit Rückenschmerzen schlafen. Dann ging das da mit dem Schäfchen zählen…

Washington D.C. grüßte uns bei der Ankunft um kurz vor Neun Uhr immerhin mit Sonnenschein. Nach dem Verlassen des Buses trennte sich der Weg von Laura und uns, da sie studentische Verpflichtungen hatte und keine touristischen. Wir liefen zu unserem Drei-Sterne-Hotel in einer knappen halben Stunde – mit unseren vollen Koffern schon eine kleine körperliche Anstrengung. Nachdem wir eingecheckt hatten und auf unser Zimmer gegangen waren, machten wir den Fehler, uns auf den weichen Betten bequem zu machen. Danach wollten wir sie nämlich eigentlich gar nicht mehr verlassen. Um nicht den ganzen Tag zu verschwenden, machten wir mit uns selbst den Kompromiss, bis etwa 13 Uhr den Schlaf nachzuholen und dann die Stadt zu erkunden.

Nach etwa drei Stunden Schlaf, müde und mit der Idee, lieber weiterschlafen zu wollen, erhob man sich und ging raus auf die Straßen der Hauptstadt Amerikas. Für den großen Touristenrundkurs fanden wir nicht genügend Kraft. Worauf wir erstmal die National Gallery of Arts besuchen wollten. Ja, diesmal auch mit mir. Eintritt gab es ja nicht. Für umme nehme ich dann auch mal alte Bilder auf Leinwänden mit. Dass wir etwas verschlafen waren, merkten wir spätestens als wir das National Archives & Records für die Nationalgalerie hielten und besuchten. Unser Fehler fiel uns erst auf als wir im Nationalarchiv vor den ausgestellten Kopien der Unabhängigkeitserklärung und Verfassung standen. Passiert. Die Galerie besuchten wir gleich danach. Nun, was soll ich sagen. Ich finde alte Farbe auf Leinen schwerlich begeisterungswürdig. Ja, Kulturbanause! Ich starre sonst den ganzen Tag auf einen Monitor, klicke und hacke, treibe mich bei fukung rum und erfreue mich an unterhaltsamen Katzenbildern. Wer mir dann noch mit Kultur kommt, ist selber schuld!

Die Bilder hielten uns nicht sonderlich lange im Gebäude. Das Weiße Haus und der Obelisk direkt davor, das Washington Monument, waren da schon interessanter. Ob change-we-can-believe-in-Obama zu Hause war, konnten wir nicht erkennen. Die Vorhänge versperrten die Sicht. Immerhin sahen wir zwei schwarze SUVs mit schwarz getönten Scheiben zum Weißen Haus vorfahren, wie in einem typischen Hollywoodfilm. Wahrscheinlich brachte der Secret Service die bestellte Pizza.

Auf dem Weg zurück zum Hotel machten wir noch ein bisschen Sightseeing, in dem wir ohne Ziel durch die Straßen zogen (wie so oft) und einen Salat bei Chop’t, einer Salat-Fastfood-Kette, aßen. Anhand der Straßen kann man im Übrigen sehr deutlich erkennen, wie sehr die Stadt am Reißbrett entstanden ist. Die Straßen, die von Nord nach Süd laufen, heißen 1st Street, 2nd Street, 3rd Street, 4th Street, 5th Street (usw.) und die, die sich von West nach Ost ziehen, A Street, B Street usw. Ein anderer Punkt der auffiel, waren die vielen Jogger, Sportler und Salatbars in der Stadt. Zumindest in der Hauptstadt gibt es wohl genügend intelligente Menschen, die gesund leben wollen und können.

Die große Tour durch Washington begann am nächsten Tag entspannt und führte uns zuerst Richtung Georgetown, nahe der hiesigen Universität. Weiter ging es dann am Wasser entlang, am Kennedy Memorial Center vorbei zum Lincoln Memorial. Da staute sich dann langsam die Wege. Es war Samstag und die Sonne schien, was tausende Touristen auf die gleiche Idee brachte, die Sehenswürdigkeiten zu Fuß zu erkunden. Dabei legten manche ein Tempo vor, das Schecken neidisch gemacht hätte. Höchstwahrscheinlich waren die typischen Amerikaner einfach nach den paar Metern außer Atem, mussten verschnaufen und versperrten dann den Weg. Ja ja, böse, böse.

Das Lincoln Memorial

Staatsmann Lincoln ließ sich von alldem nicht beeindrucken und rührte sich kein Stück in seinem Sessel. Ein paar Fotos später kehrten wir dem Mann den Rücken zu und liefen zum Korean War Veterans Memorial und weiter am Ufer des Sees und unter blühenden Kirschbäumen Richtung Jefferson Memorial. Von dort ging es immer dem Kapitol entgegen, welches wir umrundeten und natürlich von allen Seiten fotografierten.

Mit dem Kapitol war unsere Liste an Sehenswürdigkeiten abgehakt (das Pentagon ignorierten wir). Der weitere Weg führte uns durch Chinatown, wo wir tatsächlich auf eine Filiale der deutschen Fastfood-Kette Vapiano stießen. Ein bisschen überwältigt von solch heimisch Vertrautem aßen wir selbstverständlich dort und stärkten uns für die restlichen Meter unserer 15-Kilometertour (circa).

Kann man bei Obama klingeln?

Hotel für Washington ist seit heute auch fix.

Zuerst hatten wir ja ein Hostel im Auge – aber da fielen uns kleine Widersprüche bei der Ausstattung beim Vergleich diverser Hostel-Booking-Seiten auf. War uns nicht ganz koscher. Das nächste Hostel wäre dann nicht so gut gelegen und bisschen weiter weg vom Schuss – wobei ich mit „weg vom Schuss“ jetzt zum Beispiel das Weiße Hause und das Lincoln Memorial meine. Sollte ich Schuss und Weiße Haus in einem Satz nennen? Mh… Nicht dass dann ein Crawler eines US-Geheimdienstes das missversteht und ich Besuch von Männern in schicken Anzügen bekomme? Mh …

Na, jedenfalls haben wir das dann auch nicht gebucht. Lieber warten und noch einmal drüber nachdenken. War eine gute Entscheidung! Heute habe ich dann via Travelzoo ein Angebot für ein Hotel in D.C. gefunden. Preislich voll im Rahmen. Laut Wegbeschreibung auch nur etwa 15-20 Minuten vom Weißen Haus zu Fuß entfernt. Super! Kann ich ja mal bei Obama klingeln.